NWOBHM
Auszug aus dem dreiteiligen Special, Break Out Magazin 2003
(Author: Neudi)
Man muß kein Musikhistoriker sein, um auch im Jahr 2003 noch auf den Zungenbrecher NWOBHM zu stoßen. Iron Maiden, Saxon und Def Leppard sind jedem
Leser ein Begriff, Praying Mantis und Demon befinden sich in den meisten
AOR-Sammlungen, Venom sind die Gottväter des Black Metal, und Angel Witch oder
Blitzkrieg tingeln noch heute durch die Clubs oder begeistern auf Festivals. Was
dieses stilistische Rocksammelsurium gemeinsam hat? Alle Bands gehörten einst
zur New Wave Of British Heavy Metal, der Wiege des heutigen
Stahls.
Großbritannien Ende der Siebziger: Die Eiszeit für
Rockdinosaurier wie Yes, Genesis oder Pink Floyd, die immer ausufernder und
schwerfälliger agierten und sich immer mehr von ihrem Publikum entfernten, wurde
in der zweiten Hälfte der Dekade durch die Punkbewegung eingeläutet. Punk
bedeutete nicht nur, daß nun fast jeder, der drei Akkorde beherrschte oder einen
halbwegs geraden Takt halten konnte, die Möglichkeit hatte, in einer Band zu
spielen, sondern es war auch der Beginn der Independent-Labels und
Eigenproduktionen. Wer keinen Deal bei der Industrie bekam, buchte ein Studio
und veröffentlichte, teils auf regionaler Ebene, anschließend die eigene Single
oder gar LP.
Diesem Vorbild nacheifernd, begannen nun auch harte
Rockbands mit Veröffentlichungen jenseits der Musikindustrie. Zu den ersten
gehörten beispielsweise Samson, die ihren Einstand mit der Single "Telephone"
(1978) gaben, oder Iron Maiden mit ihrer 7" "The Soundhouse Tapes" (1979) und
Def Leppard, die sich im selben Jahr auch für die kleine Vinylplatte in Form der
Single "Getcha Rocks Off" entschieden.
Daß dies nur die Spitze des
Eisberges war, konnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnen. Das Magazin
Kerrang! wurde erst 1981 gegründet, lediglich Geoff Barton berichtete im zuvor
wichtigsten Heft Sounds über die neuen "wilden" Rockbands und betitelte die
Bewegung mit dem bis heute gültigen Terminus: NWOBHM. Mike Ellis von Aragorn,
die auf Neat Records die grandiose Single "Black Ice"/"Noonday"
veröffentlichten, erinnert sich: "Wenn ich ehrlich bin, fiel mir der Begriff
NWOBHM erst auf, als Geoff Barton den Sampler 'Lead Weight' im Sounds
besprach."
Während die obengenannten Combos sich wenigstens über ein
bißchen Presse freuen durften, brodelte bereits 1979 eine florierende
Regionalszene mit unzähligen in Eigenregie veröffentlichten Singles und LPs. Im
Zeitalter vor MTV war das Radio noch eine wichtige Informationsquelle. Der DJ
Tommy Vance förderte mit seiner "Friday Rock Show" auf BBC die "Neuen Wilden"
und brachte damit einen weiteren Stein ins Rollen.
1980 erschienen gleich
drei Compilations, die der NWOBHM endgültig den Weg ebnen sollten. Die EMI
Electrola veröffentlichte "Metal For Muthas" mit gleich zwei Iron Maiden-Songs,
Angel Witch, Samson, Praying Mantis, der EF Band und den eher unbekannt
gebliebenen Toad The Wet Sprocket, Sledgehammer, Ethel The Frog und Nutz. Der
Major MCA legte "Brute Force" vor, ein Sampler mit Raven, Diamond Head, Fist,
White Spirit, Quartz und anderen. Mit der Zusammenstellung "Roksnax" zeichnete
sich ein weiterer Schritt in der Entwicklung der Szene ab: die
Independent-Labels. In diesem Falle hieß die Firma Guardian, die später mit der
Compilation "Roxcalibur" und den Veröffentlichung von LPs (darunter Spartan
Warrior) und vielen Singles (etwa Mythra, Satan) auf sich aufmerksam
machte.
Neat Records aus Newcastle dürften zu jener Zeit das wohl bekannteste
Metal-Label gewesen sein, hatten sie doch in Raven und Venom zwei der
wichtigsten und einflußreichsten Vertreter im Repertoire. Heavy Metal Records
feierten ebenfalls mit einer Compilation die ersten Erfolge ("Heavy Metal
Heroes" 1981, unter anderem mit Grim Reaper, Jaguar und Witchfinder General),
konnten aber auch mit Artist-Veröffentlichungen (Bitches Sin, Witchfinder
General, Quartz et cetera) begeistern. Erwähnenswert sind auch noch Rondolet
(Witchfynde, Gaskin), Logo (Vardis) und das berühmt-berüchtigte
"Schepper-Sound-Label" Ebony, das mit dem Dreigestirn Grim Reaper, Savage und
Chateaux bis Ende der Achtziger überleben konnte.
"Die Punkbewegung
zeigte allen, daß jeder mit einer Kassette untern Arm zu Damont in Hayes oder
jedem anderen Preßwerk gehen und hundert, fünfhundert, tausend oder fünftausend
Singles auf seinem eigenen Label pressen lassen konnte. Die Majors waren außen
vor! Es war eine tolle Zeit, um Musiker zu sein, denn das ganze Exklusive und
Unantastbare, welches das Veröffentlichen von Schallplatten einst umgab, wurde
durch die Independent-Pioniere zerstört", berichtet Mike Ellis von
Aragorn.
"Der Erfolg der selbstproduzierten Singles und
Indie-Veröffentlichungen sorgte dafür, daß auch die Major-Companies NWOBHM-Bands
unter Vertrag nahmen", erklärt Andrew Goodwin, der Manager der EF Band, die
mit ihrem Debütalbum "Last Laugh Is On You" bei der Phonogram unterkam. Welcher
Aufwand in Heimarbeit betrieben wurde, berichtete Steve Ramsey von Satan dem
Magazin Iron Pages: "Wir machten 1.000 Stück [von der Single 'Kiss Of
Death']. Alle Sleeves haben wir selbst zusammengeklebt. Wir mußten die Sleeves
selbst schneiden und danach mit heißgemachtem Leim zusammenfügen, eine verdammte
Schinderei!"
Aus heutiger Sicht ist es interessant, daß die
Majorfirmen im Rahmen der NWOBHM zwischen 1979 und 1984 kommerziell den kürzeren
zogen. Wie auch heute noch sprangen die Musikgiganten auf einen Trendzug auf und
waren dabei nicht fähig, mit dem eingekauften Gut adäquat umzugehen. Glück hatte
die EMI mit Iron Maiden, die Firma Carrerre und Saxon waren auch ein paar Jahre
glücklich miteinender, und die Zusammenarbeit der Tygers Of Pan Tang mit MCA
dürfte ebenso einige Pfund abgeworfen haben. Doch während Venom oder Raven auf
Neat Records sechsstellige Verkaufszahlen einfuhren, blieben Fist, Quartz und
White Spirit (MCA), Ethel The Frog (EMI), Angel Witch (Bronze), More (Atlantic)
oder die EF Band (Phonogram, heute Universal) auf der Strecke.
In den
frühen Achtzigern explodierte die Szene förmlich und schwappte, meist über
Holland, nach Deutschland. Neue Vertriebsfirmen und Lizenznehmer wie SPV,
Roadrunner, Wishbone, Mausoleum oder gar Bellaphon sorgten dafür, daß in unserem
Land eine Verbreitung der Bands aus England stattfand. Auch in den USA gab es
kleine Fanzirkel, die sich die aufregenden Importe aus Großbritannien orderten.
Prominentestes Beispiel ist Lars Ulrich, der vor lauter Begeisterung seine
eigene Band Metallica gründete und mit ihnen Songs von Diamond Head, Holocaust
oder Savage coverte (zu hören auf Metallica-Demos und der CD "Garage Days
Revisited").
In Großbritannien eröffneten zahlreiche Rockclubs und gaben den
kleinen Bands die Chance, sich live zu präsentieren und natürlich auch vor Ort
ihre Tonträger feilzubieten. Wer es schon ein bißchen weiter gebracht hatte,
durfte auf dem Reading-Festival spielen. Das Kerrang! war eine wichtige
Informationsquelle. Neben Interviews mit etablierten Gruppen wie MSG, AC/DC oder
Judas Priest wurden Newcomerkapellen vorgestellt, es gab LP-Kritiken und einen
gesonderten Teil für Single-Reviews und Features über Combos, die nach Ansicht
der Verfasser groß rauskommen könnten. Das Magazin war für heutige Verhältnisse
nicht sonderlich umfangreich, aber es existierte ja auch keine
Konkurrenz.
"Die Presse war ein wichtiger Faktor, Sounds und später
das Kerrang! waren entscheidend für die Entwicklung der NWOBHM. Sounds hat die
Metalszene über Jahre unterstützt und sogar Metal-Clubnights im UK veranstaltet.
Offensichtlich aber waren die Fans der wichtigste Faktor der NWOBHM, denn sie
ermöglichten und waren die Szene. Sie sprachen miteinander, tauschten sich aus
und empfahlen Bands an ihre Kumpels weiter. Ich beispielsweise entdeckte Raven
erst ein paar Wochen, bevor wir bei Neat Records unterschrieben. Ein Freund
spielte mir deren Single vor", erinnert sich Mike Ellis, der zur Zeit mit
der Metaltruppe Meggido auf Tour ist und weitere Projekte wie Glorious und No
Leader laufen hat.
Mitte der Achtziger war der Spuk auch schon wieder
vorüber. Viele Bands schielten nach Amerika und klangen viel zu poliert und, wie
man es damals gern nannte, zu "kommerziell". Die abschreckenden Zweitwerke von
Jaguar und Savage sprechen genauso für diesen Umstand wie der grausame
Major-Einstieg von Raven bei Atlantic, kurioserweise betitelt mit "Stay Hard".
Das Unbekümmerte, Jugendlich-Frische und Rauhe der NWOBHM war 1985 so gut wie
verflogen, und die Entwicklung des Heavy Metal fand in den USA mit Speed Metal,
Glam Metal und Thrash seine Fortsetzung.
Mike Ellis: "Wie jede
musikalische Bewegung veränderte sich auch die NWOBHM in etwas anderes. Auch
glaube ich, daß die Käufer immer mehr in Richtung USA schielten, was zur Folge
hatte, daß 'Street Level', Leder und Jeans bald nicht mehr in Model waren. Image
wurde zur Hauptpriorität, und es ging mehr darum, wer die höchsttoupierten Haare
hatte, das meiste Make-up verwendete, das größte Kokainproblem hatte und wer die
Freundin mit den größten Titten vorweisen konnte."
Waren die Käufer
während der Blütezeit der NWOBHM einfach nur Rock- und Metalfans, welche die
neuesten Scheiben besitzen wollten, so sind es heute vor allem Sammler in Japan,
Deutschland und den USA, die Plattenbörsen, Flohmärkte und Ebay unsicher machen,
um die eine oder andere rare Single oder LP zu ergattern. Und hier wendet sich
das Blatt. Heute sind es die selbstproduzierten Singles und LPs, welche die
höchsten Preise erzielen, dichtauf die Veröffentlichungen der Indie-Labels, die
nur in kleinerer Auflage erschienen sind. Majorprodukte wie eine Tygers Of Pan
Tang- oder eine alte Def Leppard-LP dürften auch heute nicht über zehn Euro
kosten. Fakt ist, daß für Eigenproduktionen, die damals eigentlich niemand
wahrgenommen hat, heute dreistellige Pfundbeträge gezahlt werden. Dabei spielt
die Qualität der Musik oft nur eine sekundäre Rolle, und es ist auch keine
Seltenheit, daß eben so ein Teil 1989 für 50 Cent in einer Wühlkiste gelegen
hat.
Das neue Interesse an der NWOBHM wurde 1990 mit dem Sampler "NWOBHM
79 Revisited" geschürt. Diese Doppel-LP mit teilweise rarem Material wurde von
Lars Ulrich zusammengestellt. Obwohl die Verkaufszahlen Gerüchten zufolge eher
bescheiden waren, wurde der Sampler in gewissen Metalkreisen dankend aufgenommen
und konnte bei der jüngeren Generation für Interesse sorgen.
Kommen wir auf Burton zu sprechen: Dem haben wir in Ursula Wasnetzky
eine ehemalige und mehrmalige Deutsche Meisterin vorgesetzt, die sogar für
Deutschland bei der Olympiade und mit Robert Hübner, dem bekanntesten deutschen
Schachspieler, im Team spielte. Da hättet ihr Burton mal sehen sollen: Gentleman
pur. Ein braves Küßchen für unsere große Dame auf die Hand - und jeder Zug wird
mit zittrigen Finger1995 erschien das Buch "NWOBHM - The Glory Days",
geschrieben von den Machern des Berliner Kultmagazins Iron Pages. Die
überarbeitete zweite Auflage, eigentlich Teil 2, enthielt bereits neben vielen
Bandvorstellungen inklusive Discographien eine Raritätenliste mit Richtpreisen -
beispielsweise 350 Mark für eine Clientelle-LP oder 400 Mark für eine
Satan-Single. 2001 holten die Berliner zum ultimativen Schlag aus: der
englischsprachigen NWOBHM-Enzyklopädie mit 800 Seiten.
Ein weiteres Indiz
für einen tatsächlich vorhandenen Markt sind die Reunions von NWOBHM-Gruppen
(Trespass, Jaguar, Gaskin, Soldier) und die zahlreichen Re-Releases auf diversen
Labels. So überraschte die Firma Sanctuary mit dem Kauf der Rechte am Katalog
von Neat Records, und mit der dreiteiligen Serie "Neat Records Singles
Collection" sowie Re-Issues von Raven, Venom, Jaguar, Cloven Hoof oder Warfare
mit Bonus-Tracks und Liner-Notes zum Mid-Price setzten sie sich zumindest bei
NWOBHM-Fans ein Denkmal.
Wer den Stellenwert der NWOBHM heute noch
unterschätzt, sollte mal einen Blick bei Ebay reinwerfen und weltweit unter der
Abkürzung NWOBHM suchen. Doch warum ist heute noch so großes Interesse
vorhanden?
"Weil es eine tolle Zeit war. Die Bands waren aufregend,
und die Major-Companies haben weder die Bewegung erzeugt noch manipuliert. Alles
war echt und entstand aus eigener Motivation. Die Fans verlangten echte
Rockmusik, organisch und weitaus aufregender als das Diätfutter, was uns die
Majors heute vorsetzen", erklärt Mike Ellis.
Andrew Goodwin bringt es
auf den Punkt: "Die Kids von heute stehen immer noch auf gute Musik und
vermissen die Energie im heutigen Metal!"
Deshalb wird es in den
nächsten Wochen auch eine Doppel-CD der EF Band geben, die ihr musikalisches
Schaffen umfaßt und als Tribut an zwei kürzlich verstorbene Mitglieder anzusehen
ist.
Ich selbst habe 1983 nach einer langen Kiss- und Status Quo-Phase
begonnen, mich für Heavy Metal zu interessieren, und es dauerte nicht lange, bis
sich Venom und Raven in meine Sammlung verirrten. Weil ich bis 1998 aber eher
zum US-Metal tendierte (und ihn natürlich immer noch in mein Herz geschlossen
habe), tauchte ich erst da in die NWOBHM ein. Mit meiner Sammlung könnte ich
heute locker ein Auto finanzieren. Aber wie war es für die Rockfans, die, ein
paar Jährchen älter wie ich, das Phänomen NWOBHM live erlebt hatten?
Die
Firma Hellion Records ist nicht nur eine der bestsortierten und ältesten
deutschen Metal-Mailorder-Companies, sondern Inhaber Jürgen Hegewald
veröffentlicht auf dem gleichnamigen Label auch CDs. Neben wichtigen
US-Metal-Klassikern und aktuellen Bands glänzt sein Repertoire auch mit einer
Trespass-CD ("The Works II"). Hegewald hat die NWOBHM miterlebt.
"Man
muß ganz klar sagen, daß die NWOBHM damals 'unsere' Musik war, denn es gab im
Hardrock- und Heavy-Metal-Bereich noch nichts anderes. Was sich
herauskristallisierte, war der Einfluß auf viele spätere Bands. Wenn man die
alten Metallica als Beispiel heranzieht, hätten sie ihre Tracks ohne die
Vorbilder wie Sweet Savage und Savage nicht geschrieben. Für mich war es
herrlich, denn fast alles, was erschien, wurde binnen kürzester Zeit zur Rarität
oder war selbst bei Veröffentlichung nicht zu bekommen. Dadurch habe ich mich
viel intensiver mit der Musik beschäftigt und den Wert einer Eigenpressung auch
für mich selbst zu schätzen gelernt" erinnert sich Hegewald, der bereits
Anfang der Achtziger im Mailordergeschäft tätig war.
Für ihn stellt das
Signing von Trespass für die CD "The Works II" einen wichtigen Schritt dar, den
er sich in den Achtzigern nie erträumt hätte. Für den Hellion-Versand sind
NWOBHM-Raritäten kein Schwerpunkt: "Das Problem ist, daß viele Titel vom
Markt verschwunden sind und ich beim besten Willen über Hellion Sachen wie zum
Beispiel eine Hollow Ground nicht für über 450 Euro verkaufen möchte, denn da
stimmt trotz aller Sammelleidenschaft das Verhältnis nicht mehr. Wir bieten nur
noch Scheiben an, die wir für einen einigermaßen akzeptablen Preis bekommen
können", wehrt sich Hegewald gegen die Mondpreise, die von Händlern
teilweise aufgerufen werden.
Die bereits erwähnten Bücher über die NWOBHM
von Iron Pages zeigen auf, daß die Verfasser mit dieser Musik aufgewachsen sein
müssen. Matthias Mader bestätigt diese Vermutung.
"Da ich seit den
späten siebziger Jahren Heavy Metal höre, ist mein Denken nicht so sehr an
Trends und Wellen festgemacht. Jede Welle verursacht immer eine - wenn auch
manchmal nur kleine - Gegenwelle. Deswegen habe ich diese ganze Grunge-Manie
auch nie besonders ernst genommen, weil ich wußte, daß sie schon bald wieder
Geschichte sein würde. Die NWOBHM ist dagegen zeitlos, weil sie nach den
Dinosauriern wie Uriah Heep, Deep Purple, Led Zeppelin und Black Sabbath einfach
die Wiege des modernen Heavy Metal darstellt."
"Unser allererstes
Buch 'NWOBHM - The Glory Days'", so Mader, "entstand einfach aus der
Tatsache heraus, daß wir in der Printausgabe der Iron Pages zu wenig Platz für
unsere Specials hatten, wo wir schon seit den frühen Neunzigern Histories über
Holocaust, Diamond Head und Grim Reaper druckten - viele Fanzines haben diese
Bands erst zehn Jahre später 'wiederentdeckt'. Deswegen war die Idee eines
Buches nur logisch. Finanziell hatten wir uns gar nichts erhofft, was an der
Erstauflage von nur 500 Stück, völlig ohne ISBN-Code, ersichtlich wird.
Letztlich mußten mehrere Nachauflagen gedruckt und in 'NWOBHM Vol. 2' wegen des
großen Bedarfs sogar noch eine überarbeitete Neuauflage gefertigt werden - die
mittlerweile ebenfalls hoffnungslos vergriffen ist."
Die
englischsprachige "NWOBHM Encyclopedia" ist später durch den persönlichen
Kontakt des Autoren Malc Macmillan zu Mader entstanden: "Wir beide waren und
sind fanatische Sammler und sind so ins Gespräch gekommen. Schon schnell stellte
sich heraus, daß er sehr gut Deutsch lesen und verstehen konnte und mir deswegen
anbot, eine englische Ausgabe anzufertigen. Ich besuchte ihn dann zu Hause in
Dundee und staunte sehr über seine gigantische Sammlung, die im Bereich NWOBHM
weltweit mit Sicherheit in die Top 10 gehört, europaweit wohl eher in die Top 3.
Abzusehen war es nicht, daß daraus dann so ein Standardwerk
entsteht."
Heutzutage wird gerne in CD-Reviews geschrieben, eine Combo weise in
ihrem musikalischen Gewand Elemente der NWOBHM auf, der New Wave Of British
Heavy Metal, die vor fast einem Vierteljahrhundert die härteste der harten
Rockmusiksparten neu definierte. Dabei prägten weniger stilistische
Gemeinsamkeiten die Zungenbrecher-Epoche, vielmehr einte die metallischen
Orchester von damals ein Lebensgefühl und eine gewisse
Selfmade-Einstellung.
Soldier sind eine der zahlreichen Bands, die 1982
in "Sharalee" eine 7" auf Heavy Metal Records veröffentlicht haben, die heute
als Rarität gilt, wenn auch im Gegensatz zu Speed oder Marquis De Sade noch im
moderaten Maße.
"Wir haben viel über die NWOBHM in Magazinen wie
Sounds oder Kerrang gelesen, aber es schien, als sei der Name eher den großen
Acts wie Maiden oder Priest zugeordnet worden. Ich glaube, unsere Zugehörigkeit
wurde uns erst dann bewußt, als Journalisten und 'Fachleute' auf uns verwiesen,
wenn es um die NWOBHM ging", erzählt Garry Philips, Sänger von Soldier. Er
teilt auch die Ansicht, daß die Punkszene für diese Entwicklung wichtig war:
"Ein Teil der Punkszene war, Musik wieder auf die Straße zu bringen und sich
der großen Geldmaschine zu verweigern. Die Independent-Firmen brachten die Musik
wieder zu den Leuten, die sie hören wollten", resümiert
Philips.
"Die NWOBHM war eine Bewegung hinsichtlich der
Weiterentwicklung der Rockmusik. Es war natürlich auch eine Szene, aber auch ein
Stil, den man optisch mit Spandex, engen Hosen, Jeans und Leder ausdrückte.
Viele Rockclubs eröffneten in ganz England, und die meisten Pubs hatten
sogenannte Rock Nights, meistens montags, an denen sonst traditionell die 'Quiet
Nights' waren", berichtet der Sänger, für den Sex & Drugs &
Rock'n'Roll in beliebiger Reihenfolge ausschlaggebend für die Gründung einer
Band waren. Wie erklärt er sich das Interesse an den alten und teilweise raren
Scheiben?
"Rockmusik ist ein Teil vieler Lifestyles: Biker, Hippies,
Gothic-Leute oder sonstige. Leute, die einen dieser Lifestyles leben, wollen die
Musik am Leben erhalten, die sie in einer bestimmten Phase gehört haben. Ich
selbst besitze viel Siebziger-Musik, denn das war die Zeit, als ich Rockmusik
entdeckte und Biker wurde. Meine Frau hat viele Punk- und Gothic-Platten aus den
Achtzigern, aber wir kaufen auch neue CDs, zum Teil dieselben, wie sie auch
meine Kinder hören", faßt er zusammen.
Soldier sind wieder aktiv,
haben einen neuen EP-Silberling, und es wird wohl noch mehr Material folgen. So
wird die NWOBHM von Philips fortgeführt.
Für Chris Watson, den
Gitarristen der längst verflossenen Truppe Black Rose, war die NWOBHM kein Stil,
sondern "nur eine große Anzahl Bands, die zu dieser Zeit aktiv waren. Man
kann weder Raven mit White Spirit noch Venom und Trespass in einen Topf
werfen." Die unspektakulären Black Rose veröffentlichten ihre erste Single
"No Point Running" im Jahre 1982, die erste LP "Boys Will Be Boys" erschien für
NWOBHM-Verhältnisse sehr spät, nämlich 1984.
"Ich spürte, daß bei uns
in Nordostengland etwas vor sich ging. Wir hatten Raven, Venom, die Tygers,
Black Rose, Axis, Avenger, Hellanbach, Battleaxe, Axe, Fist", zählt der
heute in einer Van Halen-Coverband (www.vh-unchained.com) agierende Saitenquäler
auf. "Das Kerrang! und Mundpropaganda waren wohl die zwei wichtigsten
Faktoren für die NWOBHM Szene."
Warum flaute die NWOBHM Mitte der Achtziger so plötzlich
ab?
"Die Zeiten ändern sich ständig, und die Menschen sehen sich nach
anderen Richtungen um. Die 'Big Hair Bands' übernahmen das Zepter, und es war
plötzlich aus der Mode, Jeans und Leder zu tragen. Diese Gruppen wurden dann von
den Grunge-Kapellen überrundet, und diese wiederum von den Nu-Metal-Combos. So
wird das immer weitergehen", prophezeit er.
Die NWOBHM war mitnichten
die Geburtsstunde des Heavy Metal. Diese Zeugung muß man Formationen wie Black
Sabbath, Deep Purple, Blue Öyster Cult oder gar den Kinks oder Cream
bescheinigen. Judas Priest, Budgie und Motörhead rockten schon während der
Siebziger sehr hart, zählen aber wegen ihrer frühen Gründung nicht zur NWOBHM.
Ihre Karriere fiel eher zufällig in die Periode.
Bereits in den frühen
Achtzigern zeichnete sich eine Stilvielfalt ab, die ihresgleichen suchte. Die
NWOBHM nahm Untergruppierungen des späteren Heavy Metal vorweg.
Da wäre
zum Beispiel der Speed Metal, dessen Erfindung gerne den Kanadiern Exciter
zugeschrieben wird. Fakt ist, daß Jaguar auf ihrer Debütsingle "Back Street
Woman" bereits das erahnen ließen, was später diesen Namen bekommen sollte. Ihre
Single "Axe Crazy" von 1982 ist lupenreiner Speed Metal.
Auf dem
Debütalbum von Raven befanden sich etliche Nummern, die in puncto
Geschwindigkeit bahnbrechend waren. Ein Song wie "Sweet Danger" von Angel Witch
(1980) beweist die Theorie, daß auch bei diesem Stil, der später in den USA
ausgiebig praktiziert wurde, der Grundstein in England liegt.
Die düstere Thematik von Angel Witch ("Angel Of Death") läßt uns auf
den heutigen Black-Metal-Bereich kommen. Angel Witch klangen, wie auch
Witchfynde, relativ zahm, aber das Image und die Plattencovers dürften nicht
wenige beeinflußt haben. Das gilt auch für Demon, die zu Beginn ihrer Karriere
eine düstere, theatralische Show auffuhren.
Die erste Gruppe, die nicht
nur ein okkultes Konzept, sondern auch die dazu passende Musik hatte, waren
Venom. Erfreulicherweise streiten die heutigen Black-Metal-Bands den Einfluß der
drei Chaoten aus Newcastle nicht ab, es scheint vielmehr modern zu sein, Venom
als wichtige Inspirationsquelle zu nennen. Es existiert nur ein großer
Unterschied zu den bösen Buben von heute: Venom nahmen sich nie ernst und
verheimlichten nicht, daß es sich nur um ein Image handelte. Mit ihrer zweiten
LP ?Black Metal? benannten sie unfreiwillig eine neue Richtung.
Zäh und
schwerfällig, stark an Sabbath erinnernd agierten Witchfinder General und Pagan
Altar, direkte Vorläufer des Doom Metal.
Die Frauenpower von Damenbands
wie L7 ist eigentlich auch ein alter Hut. Schon Girlschool (ab 1979) und Rock
Goddess (ab 1982) rockten emanzipiert und konnten sich in der von Männern
dominierten Szene durchsetzen. Ihre Vorläuferinnen freilich waren, um die Mitte
der Siebziger herum, weibliche US-Hardrockgruppen wie Birtha oder Fanny (mit
Suzi Quatros Schwester Patti Quatro) und natürlich die Runaways (mit Joan Jett
und Lita Ford).
Auch den Crossover gab es schon zur NWOBHM, wenn auch mit
bescheidenerem Erfolg als in den Neunzigern. Die Lärmcombo Warfare mischte Punk
mit Metal, nannte eine ihrer LPs sogar treffend "Metal Anarchy". Auch bei den
erfolgreicheren Tank ist eine Verschmelzung der beiden Stilarten zu spüren,
wenngleich der Motörhead-Einfluß überwiegt. (Anm.: Der Begriff Crossover indes
ist wesentlich älter. Er stammt aus den Sechzigern, als Jazz-Ensembles anfingen,
Rock-Elemente in ihren Stil zu mischen, und wurde in den Siebzigern auch auf
Formationen wie Inner Circle und Third World angewandt, die Reggae-Klänge mit
Hardrock-Riffs oder Soul-Exzerpten vermengten. Im Grunde ist "Crossover" ein
vollkommen nichtssagender Terminus, der lediglich die Verschmelzung zweier oder
mehrerer verschiedener Musikformen meint, und taugt zur Definition eines Stils
mithin nicht im geringsten. - Der Red.)
AOR ist mit Sicherheit ein
amerikanisches Thema, allerdings gab es auch zur NWOBHM Bands, die heute in
diese Kategorisierung fallen würden, allen voran die noch aktiven Praying Mantis
oder auch Persian Risk. Leider wandten sich Mitte der Achtziger zu viele der
ehemals rauh klingenden Bands diesem Stil zu, um in den USA Erfolg zu haben. Ein
großes Vorbild dürften Def Leppard gewesen sein, die zu Zeiten ihrer Single und
des Debütalbums noch keine Anstalten zeigten, gemäßigt zu klingen, mit dem
Umschwung aber bald Millionen von Platten umsetzen sollten.
Die
Hersteller von Haarspray und Schminke dürften sich über Wrathchild gefreut
haben, denn die Buben sahen noch tuntiger aus, als es Mötley Crüe oder Poison je
geschafft haben - und das bereits 1983, als der Begriff Glam Metal noch
unbekannt war.
Fehlt nur noch der Progressive Metal, und auch hier existierten zur
NWOBHM Gruppen, die man ansatzweise diesem Spektrum zuordnen könnte (Shiva,
Trespass, Force).
Was ist also die NWOBHM, möchte man sie als Stil
ansehen? Im Gegensatz zum US-Metal findet man bei den Briten sehr selten Sänger,
die hoch und klar singen. Bruce Dickinson oder Steve Grimmet (Grim Reaper,
Chateaux, Onslaught, Lionsheart) stellen Ausnahmen dar. Auch ist in der NWOBHM
noch viel Rock'n'Roll herauszuhören, was vor allem mit den Gitarrenriffs
zusammenhängt. Selbst Boogie-Elemente nach alter Status Quo-Manier findet man
recht häufig (Spider, Panza Division, Vardis). Ein weiteres Stilmerkmal ist ein
trockener, extrem authentischer Sound. Aufgeblähte Produktionen wie später bei
Def Leppard oder Saxon ("Innocence Is No Excuse") gab es so gut wie gar nicht.
Das Beherrschen der Instrumente hat weit weniger im Vordergrund gestanden als
heute.
Aus den Zutaten Hardrock der Siebziger, Punk und den zweistimmigen
Gitarrenläufen von Thin Lizzy bildeten sich all diese Gruppen, um ihren eigenen
Ideen zu frönen, etwas Eigenes zu kreieren. Rockmusik war wieder dreckig, auf
der Straße beheimatet und bot dem von Arbeitslosigkeit gezeichneten England eine
Ablenkung von den Alltagsproblemen.
Rares NWOBHM-Vinyl ist nicht nur ein
Stück Musik, sondern ein Zeitzeuge. Hier kristallisiert sich der große
Unterschied heraus zwischen einer alten Maiden- oder Saxon-LP und einer
selbstproduzierten Single, deren Coverhülle womöglich noch von der Band selbst
verleimt wurde. Sowas hat nicht nur einen besonderen Charme, sondern gibt dem
Besitzer das Gefühl, etwas Besonderes (für wahrscheinlich viel Geld) erworben zu
haben. Das ist nichts Außergewöhnliches, wenn man sich vor Augen hält, wie viele
Menschen ein Stück Berliner Mauer im Regal stehen haben.
Leider gibt es
unter den Sammlern Subjekte, die sich weniger für die Musik auf der Platte
interessieren, sondern sich nur an ihrem Besitz an sich erfreuen. So
verschwinden die letzten Exemplare so manch raren Teiles in Sammlungen, die nie
dem Ursprungszweck, dem Hören und Genießen von Musik dienen. Dieses egoistische
Verhalten, so kann man es nennen, wenn das Vinyl nur 500mal gepreßt wurde, und
die Preistreiberei mancher Händler erschweren das Zusammenstellen der heimischen
NWOBHM-Kollektion enorm.
Matthias Mader von den Iron Pages bringt es auf
den Punkt: "In meiner nicht gerade kleinen NWOBHM-Sammlung gibt es Schätze
zuhauf, es ist nur die Frage, ob man die Juwelen über den Preis oder über die
gebotene musikalische Qualität definiert. Viele herausragende Singles sind gar
nicht einmal so teuer, und viele teure Singles kann man musikalisch getrost
vergessen."
Die New Wave Of British Heavy Metal war das Zeitalter der
selbstproduzierten Vinyl-Singles, der 7-Inches. Was in den USA oder auch
Deutschland später das Demo auf Kassette war, stellte in Großbritannien die
"kleine schwarze Scheibe" dar. Die Herstellung war günstig, die Studiokosten für
zwei oder drei Songs, aufgenommen meist in Rekordzeit, waren gering, und wenn es
finanziell knapp wurde, gab es entweder kein Cover oder nur ein beigefügtes
Blatt. Die Singles wurden auf Konzerten verkauft, oder die Combo überredete die
Plattenläden der Region, ein paar Exemplare ins Programm zu
nehmen.
Einige wenige hatten das Glück, für ihre Babies einen
Independentvertrieb zu begeistern. Exporte waren eine Ausnahme. Meistens sparten
die Bands ihre Gagen, um davon ihre musikalische Visitenkarte zu finanzieren,
und nicht selten wurden die aus den Verkäufen erlösten Pfund in die nächste 7"
gesteckt. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß das Sammeln von
NWOBHM-Singles für viele interessanter ist, als sich eine LP-Kollektion
aufzubauen.
"Let the music do the talking" ist bei einem Bericht über die
NWOBHM nicht immer einfach. Die wenigsten Leser besitzen die raren 7-Inches und
LPs, und es ist auch - falls überhaupt möglich - häufig mit hohen Kosten
verbunden, sich diese zuzulegen. Aus diesem Grund gibt es parallel zu diesem
Artikel eine Website, die unter anderem Mp3-Files rarer Single-Tracks anbietet:
http://truemetal.org/battle/ (Obacht: Der letzte Slash in der URL ist enorm
wichtig!) Außerdem hat's dort zahlreiche Links, Bildergalerien und Bandfeatures
zur NWOBHM.
Eines ist sicher: Eine zweite NWOBHM oder ein ähnliches
Phänomen wird es nicht mehr geben, aber das Interesse wird in gewissen
Fanzirkeln niemals abflauen.
Nachdem in den ersten beiden NWOBHM-Specials die Geschichte dieser
musikalischen Revolution beleuchtet worden ist, werfen wir nun auch einen Blick
in die Gegenwart. Daß diese trotzdem einen Bezug zur Vergangenheit aufweist,
dürfte klar sein, denn die NWOBHM ist seit circa 1985 Geschichte. Dennoch
fasziniert jene Epoche, und das resultiert in Wiederveröffentlichungen alter
Scheiben auf CD und in Reunions einiger Kapellen "von damals".
Neat
Records waren das prototypische NWOBHM-Label schlechthin. Alles, was den
berühmten "Daumen nach oben" als Label aufwies, konnte in der Frühphase der New
Wave Of British Heavy Metal fast blind gekauft werden. Die erste
Heavy-Metal-Veröffentlichung auf Neat war die berühmte Single "Name, Rank &
Serial Number" von Fist.
"Ich kannte Neat gar nicht, als wir unseren
Vertrag dort bekamen", erzählt Keith Satchfield, Sänger und Gitarrist von
Fist, "allerdings habe ich für den Inhaber David Woods in den Impulse-Studios
einige Auftrags-Recordings erledigt. Sting und Chris Rea haben dort zum Beispiel
ihre frühen Aufnahmen gemacht. 1978 nahmen wir dort, noch unter dem Namen Axe,
ein 5-Track-Demo auf. Ich fand es toll, daß nach der Punk- und Reggae-Ära die
Leute wieder Rock hören wollten. Trotzdem habe ich von der Single, deren
Titelsong ich 1974 mit 16 Jahren geschrieben habe, nicht viel
erwartet."
Hat Satchfield damals schon gewußt, daß er ein Teil der neuen NWOBHM-Szene
war?
"Dieser Begriff kam auf, als wir uns 1979 von Axe in Fist
umbenannten, und wurde ab 1980 durch den New Musical Express etabliert. Ich
fühlte mich als ein Teil der Szene. Meine früheren Bands Warbeck und Hardcore
sowie danach Axe spielten viele Gigs, auch im Vorprogramm größerer Gruppen, doch
wir wurden ab 1976 als unmodern eingestuft, wegen der aufkeimenden Punk-Szene.
In London hatten wir zu jener Zeit keine Chance und zogen in den Nordosten
zurück, wo wir mit Axe spielten."
Neat Records kooperierten mit dem
Major MCA, und einige Gruppen, von Neat produziert, erschienen eben auf diesem
Label (Fist, Tygers Of Pan Tang oder White Spirit). Lag es daran, daß die
Debüt-LP "Turn The Hell On" trotz gutem Songmaterial so blutarm
klingt?
"Ich war damals stinksauer! Unsere Demos spiegelten Fist
wider, doch die LP konnte das Feuer, das wir hatten, nicht einfangen. Produzent
war Derek Lawrence, der zuvor mit Deep Purple und Wishbone Ash gearbeitet hatte.
Zunächst war ich begeistert, doch es kam kaum Input von ihm, und am Ende machte
er aus der LP eher 'Turn The Hell Off'. Das Album war völlig verwässert. Auch
meine Bandkollegen haben mich damals angepißt, denn sie sind nach ihren Parts
einfach heimgefahren, und ich hatte die Vocals in 48 Stunden zu erledigen. Dabei
habe ich zeitweise sogar meine Stimme verloren. Wir schlugen MCA vor, die LP
nochmal in den Impulse-Studios aufzunehmen, doch der Vorschlag wurde
abgelehnt", ärgert sich Satchfield noch heute über die verschenkte Chance
einer grandiosen Debüt-LP.
In alter Form
präsentierten sich Fist auf dem Sampler "Lead Weight" von Neat
Records.
"'Throwing In The Towel' wurde bereits für das nächste Album
geschrieben, und sie suchten sich diesen Song aus. Es ist einer meiner absoluten
Fist-Faves, und auch die Lyrics sind sehr persönlich."
Das zweite
Album, in den Impulse-Studios aufgenommen und endlich direkt bei Neat
erschienen, wurde leider ohne die markante Stimme von Keith Satchfield
veröffentlicht.
"Nach dem Dilemma mit MCA, die uns nach dem Debüt in
die AOR Ecke drängen wollten, verließ ich die Band. Mit 30 fühlte ich mich
damals zu alt zum Rocken. Ich schwenkte um zu eher jazzigen Klängen und spielte
später in Club-Bands, die auf Schiffen und in Hotels auftraten."
Daß
das Interesse an der NWOBHM wieder aufkeimte, lag unter anderem an dem von Lars
Ulrich initiierten Doppel-LP-Sampler "NWOBHM 79 Revisited" von 1990, der jener
Phase huldigte. Natürlich durften auch hier Fist nicht fehlen, wenn auch bloß
als einer der Bonus-Tracks der CD-Version. Die Reunion ließ trotzdem bis etwa
2000 auf sich warten. Verstärkt unter anderem mit Martin Metcalf von der
Kult-NWOBHM-Band Hollow Ground starteten Fist erneut und spielten auf dem
diesjährigen "Headbangers Open Air". Und das neue Album steht auch schon in den
Startlöchern.
Die Scheibe, die auf Demolition Records erscheinen wird, enthält zwei
überlange Songs, aber auch typisches Fist-Material und drei Remakes alter
Klassiker. Darunter auch 'Name, Rank & Serial Number', welches von meinem
Vater handelt, der im Zweiten Weltkrieg Soldaten aus einem japanischen
Kriegsgefangenenlager gerettet hat."
Konkrete Pläne für einen
weiteren Abstecher nach Deutschland gibt es noch nicht. Doch schon vor "Storm"
konnten sich Fist-Fans freuen: Sanctuary, die das Neat-Archiv komplett
aufgekauft haben, veröffentlichten eine "Anthology"-CD, die mehr ist, als der
Titel vermuten läßt. Mehr als die Hälfte des Materials war vorher
unveröffentlicht. Und die Firma Castle bescherte uns mit Billig-Samplern à la
"Heavy Metal Box Set" so manche Rarität. Unbewußt? Steve Hammonds,
Senior-Label-Manager von Castle (heute bei Sanctuary integriert) gibt
Auskunft:
"Wir lizenzierten den Neat-Katalog von Jess Cox in den
frühen Neunzigern, und die Compilations waren ein Resultat aus dem begrenzten
Material, welches ein Teil des Deals war. Das war vor meiner Zeit, und ich
glaube es war keine Absicht, Raritäten auf diese CDs zu packen", erklärt
Steve Hammonds, dem NWOBHM-Fans eigentlich im Stundentakt die Füße küssen
müßten. "Wir kauften dann den kompletten Neat-Katalog von Jess, der weiterhin
sein Label Edgy machte [heute Metal Nation]. Natürlich begannen wir mit dem
Veröffentlichen der Highlights, also Venom und Raven. Die haben immer gut
verkauft. Doch es war von vorneherein geplant, ein sehr breites Spektrum des
Neat-Kataloges zu veröffentlichen."
Was ja auch
bis heute geschehen ist. Für Insider waren der erste wahre Hammer natürlich die
drei Teile der "Neat Records Singles Collection".
"Wir hatten einige
Masterbänder dieser Aufnahmen, in manchen Fällen jedoch nur DATs. In zwei Fällen
mußten wir Vinyl als Master nehmen."
Was klanglich nicht auffällt.
Wie sieht es denn nun aus, das Neat-Archiv? Chaotisch oder ordentlich
katalogisiert?
"Nun, mittlerweile sieht es ganz gut aus, und wir haben
alle Tapes von Dave Woods und Jess Cox. Alles lagert nun in unseren
Archiven."
(Neudi, für BREAK OUT MAGAZIN , Herbst und Winter 2003)
Die 20 wichtigsten NWOBHM-Platten
1. Angel Witch - Angel Witch
2. Def
Leppard - On Through The Night
3. Diamond Head - White Album
4. Girlschool
- Hit And Run
5. Holocaust - The Nightcomers
6. Iron Maiden - Iron
Maiden
7. Iron Maiden - The Number Of the Beast
8. Jaguar - Power
Games
9. Praying Mantis - Time Tells No Lies
10. Raven - Rock Until You
Drop
11. Samson - Shock Tactics
12. Satan - Court In The Act
13. Savage
- Loose And Lethal
14. Saxon - Wheels Of Steel
15. Saxon - Strong Arm Of
The Law
16. Tank - Filth Hounds Of Hades
17. Tokyo Blade - Tokyo
Blade
18. Tygers Of Pan Tang - Wild Cat
19. Venom - Welcome To Hell
20)
Venom - Black Metal
Die wichtigsten klassischen
NWOBHM-Compilations
Metal For Muthas 1 & 2 (EMI)
Brute Force
(MCA)
Roxcalibur (Guardian)
Roksnax (Guardian)
Heavy Metal Heroes 1
& 2 (HM Records)
Eine Auswahl der besten
NWOBHM-7-Inches
Aragorn - Black Ice
Bleak House - Rainbow Warrior
Fist
– Name, Rank & Serial Number
Iron Maiden - Soundhouse Tapes
J.J's
Powerhouse - Running For The Line
Jaguar - Axe Crazy
Jameson Raid - Seven
Days Of Splendour
Oxym - Music Power
Raven - Don't Need Your
Money
Satan - Kiss Of Death
Sparta - Tonight
Trespass - One Of These
Days
Wolf - See Them Running
Hilfreiche Literatur
NWOBHM - The
Glory Days (IP-Verlag, ISBN 3-931624-00-5)
NWOBHM Vol. 2 (IP-Verlag, ISBN
3-931624-03-X)
The NWOBHM Encyclopedia (IP-Verlag, ISBN
3-931624-16-1)
Goldmine Heavy Metal Priceguide (ISBN 0-87341-811-5)